Hunold Pius (www.piushunold.ch)




100 km Lauf in Biel

 

Mein Erlebnisbericht

Video

Vorbereitung:

Pius Hunold

 
Ohne Ambitionen oder besondere sportliche Ziele reiste ich im März 2007 für 10 Tage nach Spanien in ein Velo-Trainingslager. Wir sassen täglich 3 bis 7 Std. im Sattel und genossen das noch frische, aber angenehme Klima. Mit uns fuhren auch namhafte Cracks wie Christoph Mauch, Reto Hug und die RAAM-Sieger Hanspeter Nart und Urs Samtleben. Gut 1000 km hatten wir in den Beinen und kehrten in die Schweiz zurück.

 

Mit dieser guten Grundkondition setzte ich mir den Floh ins Ohr, diese Saison etwas ganz Spezielles zu versuchen. Bikerennen hatte ich schon unzählige bestritten, warum nicht einmal ein Lauf? Für mich als Biker war der bekannteste Lauf der Bieler 100 km-Lauf. Ab sofort konzentrierte ich mich aufs Laufen und stellte mir ein Trainingsprogramm mit Wettkampfdatum 15. Juni zusammen. Da ich noch sehr wenig Laufkilometer hatte, begann ich mit kleinen Umfängen. Den wöchentlichen Dauerlauf steigerte ich innerhalb von 2 Monaten von anfänglich 15 km auf 40 km. Dies kombinierte ich mit Ausdauer- und Intervalltrainings. Der Trainingsumfang erreichte die letzten 2 Monate ca. 100 km pro Woche.

 

 

Oftmals überkamen mich während Dauerläufen Zweifel, ob ich das 2 ½ fache dieser Distanz schaffen würde. Ich begann, mich über den Lauf zu informieren. Im Internet las ich Erfahrungsberichte und merkte, dass es sich hier um einen sehr anspruchsvollen Lauf handelt, bei welchem über 650 Höhenmeter zu überwinden sind und der gefürchtete Ho-Chi-Minh Pfad zu bewältigen ist. Die von mit errechnete Wettkampfzeit von 7.30 erhöhte ich nach diesen Erkenntnissen um 20 Min.

 

Pius Hunold

 

Mit einige Vorbereitungsrennen holte ich mir die nötige Schnelligkeit. 2 Wochen vor dem Lauf startete ich als Teammitglied am ironman Rapperswil über die Halbmarathondistanz und erreichte die 2.beste Laufzeit, welche mich zuversichtlich stimmte.

 

Anreise:



Am Freitag löse ich einen Ferientag ein und probiere ein bisschen vorzuschlafen. Das Wetter macht mir Sorgen, denn es regnet zum Teil sehr heftig. Doch der Wetterbericht meldet für den Abend erste Aufhellungen im Westen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn ich kann mir nicht vorstellen, 100 km im Dauerregen unterwegs zu sein.

Um 16.00 machen wir uns mit dem Auto auf den Weg. Laut Routenplaner haben wir eine zweistündige Autofahrt vor uns. Wir Landeier haben allerdings nicht mit dem städtischen Wochenendverkehr gerechnet und so stehen wir 2 Stunden später immer noch mitten in Zürichs Stau. Auch auf dem nächsten Autobahnstück läuft es nur zäh vorwärts, sodass wir das Abendessen statt in Biel in aller Eile in einer Raststätte einnehmen. (Kompliment an die Raststätte Kölliken: Sie kochen uns innerhalb von 5 Min eine gute Portion Spaghetti!)

 

Um 20.00 erreichen wir Biel. Mirjam, mein Coach, organisiert mir die nötigen Informationen und die Startnummer, da ich mich nicht vorangemeldet habe. In der Eishalle finde ich jetzt genügend Zeit und Ruhe, mich auf das bevorstehende Rennen vorzubereiten. Dazu gehören das Einölen der Arme und Beine und das Auftragen von wenig Vaseline an Zehen und Brustwarzen.

Schon muss ich mich von meinem Coach verabschieden, denn die Begleitung mit dem Fahrrad ist erst ab Lyss (km22) erlaubt. Sie wird mich dort vollbepackt mit Nahrung, Ersatzkleidern und Stirnlampen mit dem Fahrrad erwarten.

Pius Hunold
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Lauf:

 

Um 21.45 stelle ich mich in die drittvorderste Startreihe. Trotz der Anspannung versuche ich die spezielle Atmosphäre zu geniessen. Der Platzspeaker nennt die Favoriten nochmals, so weiss ich, an wessen Fersen ich mich heften muss.

22.00: Der Startschuss erfolgt. Ich versuche sofort an der Spitze zu laufen um jeglichen Rempeleien aus dem Weg zu gehen. Ich bleibe in der Nähe der Läufer mit den Nummern 1 bis 3.

Schon auf den ersten Kilometern forciert ein Läufer das Tempo. Ich halte mich an meine Pulsuhr und bleibe bei den Vorjahresbesten. Nach der ersten Steigung (ca. Km 9) holen wir den Ausreisser wieder ein. Er ist wohl etwas schnell gestartet. 

Auf den ersten 20 km sind nur 2 Verpflegungsposten. Gerade in der Anfangsphase ist aber eine genügende Nahrungsaufnahme wichtig. Hier haben sich die erfahrenen Läufer besser organisiert und stellen an einigen Punkten ihre eigenen Verpflegungsstellen. Nun ja, das ist das Lehrgeld eines Debütanten. Ich habe mir zum Glück eine Tube Gel in die Hose gesteckt, die ich nach ca. 10 km einnehme. Ab jetzt nimmt die Dunkelheit zu und der Weg führt abseits der Hauptstrasse durch Naturstrassen, die mit wassergefüllten Pfützen gespickt sind. Ich versuche, auf Zehenspitzen die Pfützen zu umlaufen, um nicht schon am Anfang nasse Füsse zu bekommen. Schon jetzt plagen mich Magenkrämpfe und ein Abstecher ins Gebüsch ist dringend nötig.

Pius Hunold

 

Ich laufe zusammen mit Rolf Baumgartner und Johannes Halfinger, welcher mit einer Stirnlampe ausgerüstet ist, bis nach Lyss. Mit einem Abstand von 2 Min auf die zwei Spitzenleute biegen wir in die Hauptstrasse von Lyss ein, wo wir von vielen Zuschauern empfangen werden. Ich freue mich, meine Betreuerin zu sehen. Jetzt werde ich mein Defizit an Nahrungsaufnahme wieder ausgleichen. Mein Coach ist ganz aufgeregt und ich rede ihr zu, den Moment mit den vielen Zuschauern zu geniessen. 

Wieder abseits der Hauptstrasse ist die „Höhlenforscherlampe“ meines Coachs mit grossem Akku im Rucksack jetzt Gold wert, dann sie leuchtet die Strasse wie ein Auto aus. Zusammen mit Rolf Baumgartner laufe ich ein zügiges, aber gleichmässiges Tempo. Bei km 40 schliessen wir zur Spitze auf. Daraufhin forciert ein Läufer das Tempo und setzt sich wieder leicht ab. Bei km 45 kommt ein Eilzug in der Person von Helmut Dehaut von hinten und lässt uns gleich stehen. Ich denke: Den siehst du nie wieder, so wie der vorbeigezogen ist.

Ich achte, dass meine Pulsuhr ca. 150 Schläge anzeigt, damit mein Tempo konstant bleibt.

 

 

Km 49: Wir erfahren, dass der Führende ausgestiegen ist, somit laufen wir jetzt auf Position 2 und 3.

Bei Km 50 überholt uns mit forschem Tempo Ernst Schmidt, der Vorjahreszweite. Wir lassen ihn vorbeiziehen.

Die Magenkrämpfe plagen mich immer wieder. Jetzt aber so stark, dass ich das Tempo kurzzeitig reduzieren muss. (Mein Coach sagte mir am Ende des Rennens, dass sie nicht daran geglaubt habe, dass ich das mit solchen Krämpfen durchziehen würde.) Trotzdem darf ich die Nahrungsaufnahme nicht vernachlässigen. Ca alle ¼ Std. nehme ich eine Portion Gel und spüle mit Wasser nach. Dazwischen trinke ich isotonische Getränke. Da bin ich auf mein Coach angewiesen, die mir die Flasche immer unter die Nase hält.

Km 55: Wir passieren Ernst Schmid, der sich in einem Stuhl die Beine massieren lässt. Dann übernehmen wir von unseren Coachs die Stirnlampe und Nahrung und stechen in den gefürchteten Ho-Chi-Minh Pfad in Position 2 und 3. Ab jetzt sind wir wieder auf uns alleine gestellt, denn die Velobegleitung ist hier nicht erlaubt. Der Waldweg ist wie in vielen Berichten beschrieben mit Wurzeln bespickt, und durch den vorgängigen Regen sehr  glitschig. Dies muss auch ein offizieller Begleiter des Veranstalters merken, der mit seinem Bike über die Wurzeln stürzt und grosse Mühe hat, unserem Tempo zu folgen. Ich muss mich extrem konzentrieren, dadurch vergehen die Kilometer recht schnell.

 

Pius Hunold


Km 65:
Mein Coach stösst wieder zu mir.

Ich spüre, wie die Beinmuskulatur härter wird und sich verkrampft. Waren meine 40 Km Dauerläufe wohl doch zu kurz?

Km 70: Rolf Baumgartner kann mein Tempo nicht mehr mithalten und ich gewinne einen leichten Vorsprung. Alleine kämpfe ich mich durch den starken Gegenwind. In der Ferne sehe ich das Blinklicht des Fahrzeuges, welches an der Spitze fährt. Es zieht mich magisch an. Ich muss aufpassen, dass ich meinen Motor nicht überdrehe, aber ich merke, dass ich langsam zu ihm aufschliesse. Plötzlich setzt der Regen ein. Es ist ein starker Regen. Doch er stört mich nicht, denn ich bin voll motiviert zum Spitzenläufer aufzuschliessen.

Pius Hunold

 

Km 80: Der grosse Moment. Ich habe ihn! Sogleich versuche ich, ihn stehen zu lassen. Doch er bleibt hartnäckig an mir kleben. Für taktische Spielereien ist es mir noch zu früh, darum laufen wir gemeinsam weiter. Das ist ein guter Entscheid, denn wir wechseln uns gegenseitig ab und halten dadurch das Tempo hoch.

Km 85: endlich...

Jetzt wird es mental hart. Ich rede mir zu: wenn du das durchstehst, musst du das nie mehr machen.

Km 90: nur noch 10 km. Ich spüre, dass Helmut in den Steigungen Mühe hat mitzuhalten. Er kann aber auf der Ebene immer wieder aufschliessen.

Km 95: Noch 5 km!?! Ich habe keinen Mut anzugreifen, denn 5 km können noch sehr sehr lange sein. Ich bereite mich mental auf einen Endspurt vor. Doch Endspurte waren noch nie meine Stärke!

 

Km 99: Ich bin bereit! Jetzt oder nie.      Öffnet einen internen Link im aktuellen Fenster(Video)

500 m vor dem Ziel: Ich sehe den Zielbogen und attackiere. Helmut kann nicht mithalten. Beim durchlaufen des vermeintlichen Zielbogens stelle ich mit Erschrecken fest, dass das noch nicht das Ziel ist. Noch einmal 200m. Es gelingt mir, den Spurt trotzdem durchzuziehen. Eigentlich habe ich mir vor dem Rennen vorgenommen, den Zieleinlauf zu geniessen, dazu habe ich jetzt aber keine Zeit.

Km 100: Ich kann es kaum glauben! Ich habe es geschafft.

 

Pius Hunold
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